Barrierefreiheit und Menschen mit Behinderungen

Die Heiligenhafener SPD begrüßt die Einrichtung eines regionalen Aktionsplans gemäß UNBehindertenrechtskonvention durch den Kreis Ostholstein und wird bei den unterschiedlichsten Themen diesen Sachverhalt mit berücksichtigen. Ein wesentlicher Grund für die Zunahme der Behinderungen bei den Menschen ist einerseits die stetig zunehmende Lebenserwartung, was sich hinter dem Begriff des demographischen Wandels verbirgt. 2008 bis 2010 geborene Mädchen haben in Schleswig-Holstein eine Lebenserwartung von 82 Jahren, Jungen von 77 Jahren. 1960 geborene Frauen werden im Durchschnitt 72 Jahre alt, Männer werden 66 Jahre alt. In den letzten 50 Jahren hat die Lebenserwartung also um 10 Jahre zugenommen, was einem durchschnittlichen Anstieg innerhalb von 10 Jahren um 2 Jahre entspricht. Andererseits können in Folge des medizinischen Fortschritts und auch der verbesserten Lebensbedingungen viele Erkrankungen zwar nicht geheilt, aber doch soweit behandelt werden, dass das Leben nach wie vor lebenswert bleibt oder wieder wird. Trotzdem treten dann viele bleibende Behinderungen auf, die sich auch im Öffentlichen Leben bemerkbar machen und sichtbar werden. Für diese Menschen wurde in Heiligenhafen schon viel getan. Dieses ist nachzulesen in der Broschüre „Heiligenhafen barrierefrei“ vom Mai 2007. Behinderungen sind aber nur zu einem geringen Teil auf den ersten Blick erkenn- und sichtbar und durch diese Art der Barrierefreiheit nicht berücksichtigt.
Marion Radden: „Hierzu zählen die ganzen Abhängigkeits- und Suchterkrankungen oder auch wiederkehrende Angstzustände und Panikattacken, oder auch Schwächen beim Lesen/ Schreiben oder Rechnen, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.“
Diese sich im Verborgenen äußernden Handicaps lassen sich nicht durch abgesenkte Bürgersteigkanten oder Bürgersteige ohne Stolperfallen erträglicher machen. Auch Mitleid hilft hier auf Dauer nicht weiter. Stattdessen ist ein respektvoller zwischenmenschlicher Umgang in gegenseitiger Achtung wirklich hilfreich. Nicht das Handicap an sich ist das eigentliche Problem, sondern das nicht Wahrhabenwollen des Handicaps. Dieses führt zu Verhaltensauffälligkeiten oder anderen körperlichen oder seelischen Störungen.
Lothar Heinen: „Offenes Ansprechen der Problematik und dem Gegenüber trotzdem seine menschliche Wertschätzung entgegen zu bringen, ist auch eine Art, Barrieren abzubauen.


Denn gesund ist nicht derjenige, der kein Handicap hat, weil es dann fast keine Gesunden in unserer Gesellschaft gäbe. Gesund ist derjenige, der sein Handicap akzeptiert und mit ihm umgehen kann: 

  • der sich mit seinem Rollstuhl frei bewegen kann und die sich hieraus ergebenden anderen Lebensmöglichkeiten nutzt und auch am gesellschaftlichen Leben teilnimmt,
  • der, obwohl er eine starke Rechenschwäche hat, das moderne Instrumentarium des Taschenrechners auch bei einfachen Aufgaben nutzt und sich deshalb nicht schämt und versteckt. Vielleicht hat er eine enorme handwerkliche Fähigkeit, die aber aus Angst vor dem Bekanntwerden der Rechenschwäche, bisher noch nicht wirklich gefördert und gefordert wurde,
  • der, obwohl er wegen ständiger Angstzustände nicht mehr aus dem Haus gehen kann und dann doch von einem Mitmenschen verständnisvoll „an die Hand genommen wird“ und dieser ihm beim Aushalten der Panikattacken beisteht.
  • der seine Alkoholkrankheit endlich erkennt und akzeptiert und dann auch den mühsamen und steinigen Weg der Entgiftung und Entwöhnung auf sich nimmt.  Der erkennt und erlebt, dass jeder nüchterne Tag ein gewonnener Lebenstag ist. 


Leider lassen sich diese sehr unterschiedlichen Behinderungen, die den gesellschaftlichen Alltag wesentlich stärker beeinflussen als körperliche Gebrechen wie Gehbehinderungen, nicht durch einen regionalen Aktionsplan lösen. Lothar Heinen: „Hier ist Mut zum Ansprechen des Handicaps und vor allem Konfliktfähigkeit gefordert.“ In der Politik findet das Wissen um diese Problematik auch seinen Niederschlag in der Bildungs- und Sozialpolitik, was in der Schule unter dem Begriff der Inklusion mit Einbeziehung auch z.B. autistischer Kinder in die normalen Klassen stattfindet. Andererseits sind wir entsprechend unserer ethischen Grundsätze aufgefordert, unsere Mitmenschen in die Lage zu versetzen, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können und ihnen die hierfür notwendigen Hilfen zur Verfügung zu stellen. Dieses Vorgehen hat für die Zukunft der Betroffenen 2 wesentliche Vorteile:

  • Die Mitmenschen werden auf Dauer zunehmend selbständiger und reduzieren dadurch die notwendige öffentliche Unterstützung.
  • In gleichem Maße nimmt die Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu, sodass auch die Teilnahme am Erwerbsleben mit all ihren positiven Auswirkungen wieder möglich werden kann. 


Leider gibt es kein Patentrezept zur Lösung dieser Aufgaben. Ihre Existenz muss uns aber immer wieder bewusst sein. Handicaps der unterschiedlichsten Art kommen in allen gesellschaftlichen Schichten vor und können jeden betreffen. Wir können nur Anregungen zur Bearbeitung der Handicaps geben und die Betroffenen auffordern, sich aktiv um die Lösung zu kümmern. Lebenskrisen sind keine Schande, sondern eine Chance, sein Leben erneut in die Hand zu nehmen und es selbst entsprechend der eigenen Wünsche und Fähigkeit zu gestalten, natürlich unter professioneller Hilfe.


Die eigentliche Arbeit ist aber von den Betroffenen selbst zu leisten, und das ist Kärrnerarbeit. Aber es lohnt sich in jedem Fall! Diese Art des Barriereabbaus ist sehr komplex und bedarf vor allem auch einer ausreichenden personellen Ausstattung. Bei der derzeitigen schwierigen finanziellen Lage der Öffentlichen Hand besteht hier ein enormes Konfliktpotenzial. Hier ist immer wieder unter Abwägung der Prioritäten die Entscheidung zu fällen, wie viel Geld wird für welchen Bereich ausgegeben, denn nach wie vor gilt, dass jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann!
Diesem Gedanken der Weiterentwicklung der Barrierefreiheit in Heiligenhafen fühlt sich die SPD  verpflichtet.

Dr. med. Teodor Siebel  (Vorsitzender und Pressesprecher)